- Beleglage:Leitlinie
- Status:Off-Label in Deutschland
Analyse
Kortison in die Kopfhaut: was die Injektion leistet und was nicht
Die intraläsionale Injektion ist bei umschriebenem kreisrundem Haarausfall die Standardbehandlung für Erwachsene. Mit klaren Zeitgrenzen — und einer Altersgrenze nach unten.
Quellenlage geprüft am 24. August 2026.
Wenn bei einer Alopecia areata einzelne, klar abgegrenzte Herde vorliegen, ist die Injektion von Kortison direkt in die betroffene Stelle das Verfahren, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. In den Vergleichsstudien der Leitlinie taucht es immer wieder als Referenzbehandlung auf — und schlägt dabei mehrfach das, was aktiver beworben wird.
Die Vorgabe der Leitlinie
Die deutsche S3-Leitlinie macht eine ungewöhnlich konkrete Ansage:
Zur intraläsionalen Therapie der AA im Bereich der Kopfhaut mit Kortikosteroiden sollen 2,5–10 mg/ml Triamcinolon Acetonid (0,1 ml/cm², max. 100 cm², streng intrakutan) angewandt werden.
„Soll” ist die stärkste Empfehlungsform. Bemerkenswert sind die drei Grenzen in der Klammer: Konzentration, Menge pro Quadratzentimeter und die behandelte Gesamtfläche. Das ist keine Feinheit — die maximale Fläche von 100 cm² erklärt, warum das Verfahren bei ausgedehntem Befall an seine Grenze kommt.
Für wen — und für wen nicht
Aus der Übersichtstabelle der Leitlinie, Zeile „Intraläsionale Applikation von Kortikosteroiden”:
| SALT-Score | Kinder | Jugendliche | Erwachsene |
|---|---|---|---|
| mild, unter 25 % | sollte nicht | sollte nicht | sollte |
| moderat, 25–49 % | sollte nicht | offen | sollte |
| schwer, über 50–75 % | sollte nicht | offen | offen |
| sehr schwer, 76–100 % | sollte nicht | sollte nicht | sollte nicht |
Das Muster ist deutlich: Die Injektion ist eine Behandlung für Erwachsene mit begrenztem Befall. Bei Kindern rät die Leitlinie über alle Schweregrade ab. Bei sehr schwerem Befall rät sie auch bei Erwachsenen ab — dort ist die Fläche das Problem.
Für Augenbrauen und Bart führt die Tabelle eine offene Empfehlung mit dem Zusatz, dass das Angebot nur von in der Anwendung erfahrenen Ärztinnen und Ärzten erfolgen soll. Mehr dazu: Alopecia barbae.
Die beiden Zeitgrenzen
Das ist der Teil, der im Praxisalltag am häufigsten übersehen wird — und beide Regeln stehen im starken Konsens:
Bei fehlendem Ansprechen sollte eine Behandlung mit topischen oder intraläsionalen Kortikosteroiden eine Behandlungsdauer von 3 Monaten nicht überschreiten.
Bei Therapieansprechen auf topische oder intraläsionale Kortikosteroide sollte diese Therapie individualisiert mit einer maximalen Anwendungsdauer von 12 Monaten fortgeführt werden.
Drei Monate ohne Wirkung sind also das Signal zum Wechsel, nicht zur Geduld. Die Leitlinie unterstreicht das mit einer eigenen Empfehlung in der stärksten Form: Bei unzureichendem Ansprechen über sechs Monate soll das Vorgehen reevaluiert und ein Wechsel angeboten werden.
Warum sie der Vergleichsmaßstab ist
In den Studien, die die Leitlinie auswertet, tritt die intraläsionale Injektion immer wieder gegen die populäreren Verfahren an:
- Gegen PRP: In einer Metaanalyse aus vier randomisierten Studien lag der SALT-Score nach zwölf Wochen zugunsten des Kortikosteroids (statistisch nicht signifikant). In einer weiteren Studie sprachen 90 Prozent auf Triamcinolonacetonid an gegenüber 73 Prozent unter PRP.
- Gegen den Excimer-Laser: 66 Prozent der mit Kortikosteroid behandelten Areale erreichten ein Nachwachsen über 50 Prozent, gegenüber 47 Prozent unter Laser.
- Gegen Minoxidil: In einer intraindividuellen Vergleichsstudie war Minoxidil allein nicht besser als die unbehandelte Kontrolle, die Injektion dagegen schon.
Wo die Grenze liegt
Die Injektion behandelt die Stelle, nicht die Erkrankung. Sie ist wirksam, etabliert, verhältnismäßig günstig — und sie hat nach zwölf Monaten eine vorgesehene Endstation. Bei ausgedehntem oder immer wiederkehrendem Befall verweist die Leitlinie auf andere Wege: JAK-Inhibitoren für Erwachsene mit schwerer Form, die Kontakt-Immuntherapie für die chronische Phase.