Lexikon · Wirkstoffe
Minoxidil bei Alopecia areata
Zugelassen ist Minoxidil nur für den anlagebedingten Haarausfall. Bei Alopecia areata ist jede Anwendung Off-Label — auch bei Erwachsenen.
Auch: Minoxidil off label bei kreisrundem Haarausfall
Die Empfehlung
Die deutsche S3-Leitlinie zur Alopecia areata formuliert im starken Konsens und evidenzbasiert:
Die Anwendung von Minoxidil Lösung oder Schaum kann Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit milder oder moderater AA zur Behandlung im Off-Label-use angeboten werden.
Zwei Einschränkungen stecken darin, die man leicht überliest.
Erstens der Schweregrad. Für schwere und sehr schwere AA führt die Übersichtstabelle der Leitlinie bei Minoxidil in allen drei Altersgruppen „Keine Empfehlung” — die Substanz kommt dort schlicht nicht vor.
Zweitens der Zulassungsstatus. Die Leitlinie ist an dieser Stelle ungewöhnlich explizit:
Die Zulassung für topisches Minoxidil gilt ab dem 18. Lebensjahr und für die Anwendung bei androgenetischer Alopezie. Bei Anwendung für die AA im Kindes- und Jugendalter und auch im Erwachsenenalter befindet man sich daher in der Off-Label-Anwendung.
Das ist der Punkt, an dem viele Beratungsgespräche unpräzise werden: Dass ein Mittel frei verkäuflich in der Apotheke steht, heißt nicht, dass es für diese Erkrankung zugelassen ist.
Was die Daten hergeben
- Ein Cochrane-Review fand für den Endpunkt „über 75 Prozent Nachwachsen der Haare” eine Überlegenheit von Minoxidil 1 % und 2 % gegenüber Placebo (RR 2,31; 95-%-KI 1,34–3,96).
- Eine Metaanalyse aus sechs randomisierten Studien mit insgesamt 255 Teilnehmenden (Kinder und Erwachsene, Konzentrationen 1 %, 3 % und 5 %) ergab für ein Nachwachsen über 50 Prozent ein relatives Risiko von 7,86 (95-%-KI 3,74–16,5) zugunsten von Minoxidil.
Die Leitlinie relativiert das im selben Atemzug: Für die 5-Prozent-Konzentration erscheine die Evidenz vertrauenswürdiger; die Qualität der Evidenz für 1 % und 3 % sei wegen kleiner Stichproben und methodischer Mängel eher gering. Und grundsätzlich gilt:
Auch bei Vorliegen von Ergebnissen aus systematischen Übersichtsarbeiten basieren deren Analysen auf wenigen Studien mit kleinen Fallzahlen, darüber hinaus ist der Wirkmechanismus von Minoxidil bei der AA bisher nicht vollständig plausibel geklärt.
Der aufschlussreichste Vergleich
Eine intraindividuelle Vergleichsstudie an 20 Personen (19 Männer, eine Frau, Durchschnittsalter 30 Jahre) verglich fünf Areale pro Person über vier Behandlungen im Vier-Wochen-Abstand, ausgewertet in Woche 20:
| Areal | Behandlung | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 | intraläsionales Triamcinolonacetonid 5 mg/ml | signifikant mehr Haarwachstum als Kontrolle |
| 2 | intradermales Minoxidil 5 % | nicht besser als Kontrolle |
| 3 | Kombination aus beidem | signifikant mehr Haarwachstum als Kontrolle |
| 4 | Micro-Needling | — |
| 5 | keine Behandlung | Kontrolle |
Die Wirksamkeit von Minoxidil allein war in diesem Versuch nicht besser als die Kontrolle. Die Behandlungen waren gut verträglich; berichtet wurde vor allem ein leichtes Brennen während der intraläsionalen Injektion.
Praktische Hinweise aus der Leitlinie
- In Deutschland ist Minoxidil rezeptfrei als 2- oder 5-prozentige Lösung oder als Schaum verfügbar.
- Ein Ansprechen lässt sich frühestens nach vier bis sechs Monaten beurteilen.
- Vor Therapiebeginn gehört die Aufklärung über das vorübergehend vermehrte Ausstoßen der Haare — den Shedding-Effekt — zwei bis sechs Wochen nach Beginn dazu.
- Mögliche Nebenwirkungen sind eine irritative oder allergische Kontaktdermatitis sowie Juckreiz. Ein routinemäßiges Monitoring ist wegen des OTC-Status nicht erforderlich.
- Bei Kindern beobachtet in einer Übersichtsarbeit: generalisierte Hypertrichose bei 11 Prozent (1 von 9) und Arrhythmien bei 33 Prozent (3 von 9). Wegen der möglichen systemischen Aufnahme wird für Kinder und Jugendliche die 2-prozentige Lösung empfohlen.
- Laut Fachinformation wird Minoxidil nicht bei Personen über 65 Jahren angewendet.