- Beleglage:Studienlage
- Status:Off-Label in Deutschland
Analyse
PRP gegen Haarausfall: was tatsächlich belegt ist
Eigenblut in die Kopfhaut ist eines der meistbeworbenen Angebote. Die S3-Leitlinie spricht weder dafür noch dagegen eine Empfehlung aus — und nennt den Grund erstaunlich offen.
Quellenlage geprüft am 24. August 2026.
PRP ist eine der wenigen Behandlungen, die man gleichzeitig in der Sportmedizin, der Zahnheilkunde und im Kosmetikstudio angeboten bekommt. Das allein ist noch kein Argument dagegen — Eigenblutverfahren haben eine lange Geschichte. Es ist aber ein Grund, genauer hinzusehen.
Was die Leitlinie sagt
Die deutsche S3-Leitlinie zur Alopecia areata fasst das Kapitel in zwei Sätzen zusammen. Für Erwachsene:
Aufgrund der vorliegenden Studienlage kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von PRP bei AA ausgesprochen werden.
Für die jüngere Altersgruppe ist die Aussage dagegen eindeutig, und sie verwendet die stärkste Negativform des Regelwerks:
Kindern und Jugendlichen soll die Anwendung von PRP zur Behandlung einer AA nicht angeboten werden.
Begründet wird das mit den multiplen Injektionen, der Schmerzhaftigkeit und der fehlenden Wirksamkeitslage — randomisierte Studien im Kindesalter fand die Literatursuche gar nicht erst.
Der Vergleich, auf den es ankommt
Der relevante Maßstab ist nicht Placebo, sondern die etablierte Behandlung: die intraläsionale Kortikosteroid-Injektion.
- Eine Metaanalyse aus vier randomisierten Studien (201 Teilnehmende) ergab nach zwölf Wochen einen Vorteil für das Kortikosteroid im SALT-Score — statistisch nicht signifikant.
- Eine weitere randomisierte Studie fand 90 Prozent Ansprechen unter Triamcinolonacetonid gegenüber 73 Prozent unter PRP (p < 0,05).
Gegenüber Placebo sieht es bei leichten Fällen besser aus: Eine systematische Übersichtsarbeit mit 23 Studien und 621 Teilnehmenden fand PRP überlegen bei SALT-Score, Nachwachsen und Rückgang dystrophischer Haare. Bei schwereren Fällen dagegen:
Bei schwereren AA-Fällen erwies sich PRP als Monotherapie jedoch als unwirksam.
Und die Kombination mit der Kontakt-Immuntherapie zeigte keine Überlegenheit gegenüber dieser allein.
Das eigentliche Problem
Es liegt nicht in den Wirksamkeitsdaten, sondern eine Ebene darunter. Die Leitlinie widmet dem einen eigenen Abschnitt:
Das Fehlen eines Standardprotokolls für die PRP-Therapie stellt eine erhebliche Einschränkung dar und führt zu einer ausgeprägten Heterogenität bei den Zubereitungsmethoden, der Dosierung und den Verabreichungsmethoden der verschiedenen Anbieter.
Hergestellt wird über verschiedene Verfahren — Single-Spin oder Double-Spin — mit unterschiedlichen Aktivatoren. Behandelt wird meist in drei bis vier Sitzungen im Abstand von zwei bis sechs Wochen, aber auch das variiert.
Praktisch bedeutet das: Zwei Angebote mit demselben Namen sind nicht dieselbe Behandlung. Ein Preisvergleich zwischen zwei PRP-Angeboten vergleicht nicht zwei Preise für dasselbe Produkt.
Was ebenfalls aussteht: Belege für eine langfristige Wirksamkeit und Kriterien dafür, wer sich überhaupt für die Therapie eignet.
Zur Verträglichkeit — mit einer Einschränkung
In den untersuchten Studien traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. Berichtet wurden Schmerzen bei und nach der Injektion, Kopfhautempfindlichkeit bis zu drei Tage danach, Brennen und vorübergehende Rötung.
Dieselbe Übersichtsarbeit hält allerdings fest, dass die kurze Nachbeobachtungsdauer der Studien eine angemessene Sicherheitsbewertung nicht zulässt. „Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet” ist bei kurzer Beobachtung eine schwächere Aussage, als sie klingt.
Kontraindikationen sind hämodynamische Instabilität, Gerinnungserkrankungen und Infektionen an der zu behandelnden Kopfhautstelle.
Die Einordnung
PRP ist keine Scharlatanerie. Es hat einen plausiblen Mechanismus und bei leichten Fällen Belege gegenüber Placebo. Die Leitlinie formuliert die Bilanz nüchtern: eine potenzielle Behandlungsoption, insbesondere bei leichten Fällen.
Wer eine schwere Alopecia areata hat, findet in derselben Leitlinie eine evidenzbasierte Empfehlung im starken Konsens — und sie lautet nicht PRP, sondern JAK-Inhibitoren.
Alle Daten im Detail: PRP bei Alopecia areata.