Lexikon · Wirkstoffe
Topische JAK-Inhibitoren bei Alopecia areata
Was oral wirkt, wirkt auf der Haut nicht. Die S3-Leitlinie spricht eine Negativempfehlung in der stärksten Form aus.
Auch: JAK-Creme gegen Haarausfall · Tofacitinib-Lösung, Ruxolitinib-Creme
Die Empfehlung
Topische JAK-Inhibitoren sollen zur Behandlung der AA nicht angeboten werden.
Starker Konsens, evidenzbasiert, Evidenzlevel 1. In der Symbolik der Leitlinie ist das ein ↓↓ — dieselbe Stufe, mit der andernorts von künstlicher UV-Bestrahlung abgeraten wird.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil dieselbe Leitlinie die oralen JAK-Inhibitoren für Erwachsene mit schwerer und sehr schwerer AA ausdrücklich empfiehlt. Der Wirkstoffmechanismus ist derselbe. Die Applikationsform macht den Unterschied.
Warum
Der Cochrane-Review fasst alle topischen JAK-Inhibitoren zusammen und bewertet sie für ein Nachwachsen von mindestens 75 Prozent nach zwölf bis 26 Wochen: RR 5,00 (95-%-KI 0,25–100,89). Fünffach verbessert gegenüber Placebo — und statistisch nicht signifikant. Die Leitlinie kommentiert das selbst: Das sehr weite Konfidenzintervall schränke das Vertrauen in den Effektschätzer „sehr erheblich” ein.
Ruxolitinib-Creme. In einer doppelblinden Studie wurden 78 Personen mit einem SALT-Score ab 25 randomisiert und trugen über 24 Wochen zweimal täglich 1,5-prozentige Ruxolitinib-Creme oder Vehikelcreme auf. In Woche 24: kein statistisch signifikanter Unterschied. In beiden Gruppen erreichten 12,8 Prozent (5 von 39) eine 50-prozentige Verbesserung. In der Metaanalyse randomisierter Studien ergab sich RR 1,00 (95-%-KI 0,31–3,18) — exakt kein Effekt.
Delgocitinib-Salbe. In einer explorativen doppelblinden Studie mit 31 Personen (mindestens 30 Prozent Kopfhautbeteiligung) zeigte sich nach zwölf Wochen gegenüber Vehikelsalbe keine signifikante Verbesserung.
Tofacitinib. Eine Subgruppenanalyse verglich topische und orale Anwendung: gutes oder vollständiges Nachwachsen bei durchschnittlich 20,8 Prozent topisch gegenüber 46,5 Prozent oral. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p = 0,19) — die Richtung aber eindeutig.
Der Satz, der alles zusammenfasst
Zudem wurden vier von acht registrierten klinischen Studien zu topischen JAK-Inhibitoren bei AA vorzeitig aufgrund mangelnder Wirksamkeit abgebrochen.
Die Hälfte der Studien wurde abgebrochen, weil die Substanz nicht wirkte. Die Leitlinie ergänzt, dass die meisten der übrigen Untersuchungen Beobachtungsstudien oder Fallserien ohne Kontrollgruppen waren.
Zur Einordnung
Das Sicherheitsprofil topischer JAK-Inhibitoren ist nach der Leitlinie günstig: lokale Hautirritationen und Follikulitis unter Tofacitinib und Delgocitinib, ein Fall erhöhter Lebertransaminasen, unter Ruxolitinib in einer Auswertung gar keine unerwünschten Ereignisse.
Gute Verträglichkeit ohne belegte Wirksamkeit ist aber kein Argument für eine Behandlung, sondern nur eines gegen einen bestimmten Einwand. Wer eine JAK-Creme angeboten bekommt — als Rezeptur, aus dem Ausland oder als Zweckentfremdung eines für Vitiligo oder Handekzem zugelassenen Präparats — sollte wissen, dass die aktuelle deutsche Leitlinie davon in der stärksten Form abrät.
Keiner der genannten Wirkstoffe hat eine Zulassung für die Alopecia areata: Delgocitinib ist in Europa für das chronische Handekzem zugelassen, topisches Ruxolitinib für die nichtsegmentale Vitiligo mit Gesichtsbeteiligung ab zwölf Jahren.