Lexikon · Klinik
Psychologische Unterstützung bei Alopecia areata
Zwei der stärksten Empfehlungen der ganzen S3-Leitlinie betreffen nicht die Haare, sondern das Gespräch darüber.
Auch: Psychosoziale Folgen der AA
Drei Empfehlungen
Die deutsche S3-Leitlinie formuliert im starken Konsens:
Alle Patientinnen und Patienten mit allen Formen der AA, unabhängig vom Alter, sollen über die Möglichkeiten psychologischer Unterstützung informiert werden.
Alle Patientinnen und Patienten mit allen Formen der AA, unabhängig vom Alter, sollen über die Angebote von Selbsthilfegruppen informiert werden.
Bei positiver Anamnese hinsichtlich Depression oder sozialen Ängsten sollte eine psychotherapeutische Diagnostik und/oder unterstützende Psychotherapie empfohlen werden.
Die ersten beiden tragen „soll” — die stärkste Stufe des Regelwerks, dieselbe wie bei der mykologischen Abklärung eines Tinea-Verdachts. Sie gelten unabhängig vom Schweregrad: Auch wer nur einen kleinen Herd hat, soll informiert werden.
Warum
Menschen mit einer Haarerkrankung zeigen im Vergleich zu Gesunden ohne Hautkrankheit häufiger Angstzustände, eine niedergeschlagene oder depressive Stimmung und eine geringere Lebensqualität. Es gibt Hinweise, dass stressassoziierte Lebensereignisse der Auslösung einer AA signifikant häufiger vorausgehen als bei gesunden Kontrollen.
Die Leitlinie führt außerdem Zahlen zu den Auswirkungen im Arbeitsleben an — Arbeitsausfälle (56 %) und Arbeitslosigkeit (82 %) seien bei AA-Betroffenen höher als bei nach Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status gematchten gesunden Kontrollpersonen. Anmerkung der Redaktion: Der Leitlinientext nennt an dieser Stelle keine Bezugsgröße für die beiden Prozentwerte; ob es sich um absolute Anteile oder um relative Zunahmen handelt, geht daraus nicht hervor. Wir geben die Angabe deshalb so wieder, wie sie dort steht, und stützen keine weitergehende Aussage darauf.
Eindeutiger sind zwei andere Angaben: Zwischen 40 und 60 Prozent der Betroffenen berichteten Auswirkungen auf ihre Arbeit. Und:
62 % der Befragten gaben an, dass sie wichtige Lebensentscheidungen unter Einbeziehung der AA getroffen haben, zum Beispiel bei Ausbildung und Karriere oder bei Beziehungen.
Das ist der Punkt, an dem aus einer Hauterkrankung eine Biografie wird.
Bei Kindern
Studien zeigen im Vergleich zu Gleichaltrigen eine Zunahme von Trennungsangst und sozialer Angststörung. Berichtet werden Mobbing, geringes Selbstwertgefühl, erhöhter Stress in zwischenmenschlichen Beziehungen und in der Schule sowie soziale Isolation. Die Hälfte der Kinder mit AA gab an, wegen des durch die Erkrankung verursachten Stresses die Schule zu versäumen und schlechte schulische Leistungen zu erbringen.
Eine Untersuchung im Vorschul- und Grundschulalter fand, dass gesunde Mitschülerinnen und Mitschüler Kinder mit AA als „krank” oder „sterbend” wahrnehmen können — mit sozialer Isolation als Folge.
Was tatsächlich untersucht ist
| Ansatz | Befundlage |
|---|---|
| Psychotherapie | Eine systematische Übersichtsarbeit aus sechs Studien: wirksam zur Verbesserung der Lebensqualität. Eingeschlossen waren nur Erwachsene. |
| Kognitive Verhaltenstherapie | Eine Studie mit Erwachsenen zeigt einen Zusammenhang mit besserer Lebensqualität. Die Nachweise seien „begrenzt, aber vielversprechend”. |
| Alopezie-spezifische Verhaltenstherapie | Trend zur Verbesserung bei Scham über das Aussehen, Vermeidung von Aktivitäten, negativen Emotionen und Bewältigung. |
| Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion | Verbessert Lebensqualität, Auswirkungen auf Beziehungen, Angst, Phobie, Kummer und Intensität psychischer Symptome. Wirkung hielt sechs Monate nach Programmende an. Nur Erwachsene. |
| Hypnotherapie | Verbessert Angst, Depression, Lebensqualität und Alexithymie. Eine Studie schloss Jugendliche ab 15 Jahren ein — Hinweise liegen also auch für diese Gruppe vor. |
Ein Befund verdient besondere Aufmerksamkeit: Psychotherapie in Kombination mit einer Immuntherapie führte zu mehr Haarwuchs und stärkte das Selbstvertrauen. Die Anwendung von Bewältigungsstrategien veränderte die subjektive Belastung — und war mit einer Verbesserung der AA verbunden.
Für Männer
Die Empfehlung lautet, dass informiert werden soll — nicht, dass gefragt werden soll, ob Interesse besteht. Der Unterschied ist praktisch relevant: Wer nicht von selbst über Belastung spricht, bekommt das Angebot trotzdem.
Dieselbe Leitlinie führt außerdem hohen Leidensdruck als eigenständiges Kriterium dafür, dass eine systemische Therapie angeboten werden sollte — auch bei nur moderatem Befund. Beide Empfehlungen zusammen ergeben eine klare Botschaft: Die Belastung ist ein medizinischer Parameter, kein Nebenaspekt. Siehe Wann eine systemische Therapie bei Alopecia areata.