Lexikon · Recht und Zulassung
Expertenkonsens
Eine Empfehlung, die auf der Übereinkunft der Leitliniengruppe beruht statt auf einer Studienauswertung. Nicht schwächer, aber anders begründet.
Auch: EK · konsensbasierte Empfehlung
Die zwei Arten von Empfehlungen
Leitlinien kennzeichnen jede Empfehlung danach, worauf sie beruht:
Evidenzbasierte Empfehlung — abgeleitet aus einer systematischen Auswertung der Studienlage. Sie trägt einen Level of Evidence.
Konsensbasierte Empfehlung (in der S3-Leitlinie Melanom mit EK markiert) — abgeleitet aus der Übereinkunft der Leitliniengruppe. Sie trägt keinen Level of Evidence, sondern nur eine Konsensstärke.
Warum es Konsensempfehlungen überhaupt gibt
Weil zu vielen praktisch wichtigen Fragen keine Studien existieren und realistischerweise auch keine entstehen werden. Ob der Untersuchungsraum beim Hautkrebsscreening hell genug ist, ob dem Pathologen mitgeteilt wird, dass eine Probebiopsie vorliegt, ob ein negativer Befund persönlich mitgeteilt wird — für nichts davon wird jemand eine randomisierte Studie auflegen.
Ohne Konsensempfehlungen bliebe die Leitlinie zu genau den Punkten stumm, an denen im Alltag die meisten Fehler passieren.
Was das für die Verbindlichkeit heißt
Nichts Nachteiliges. Konsensbasierte Empfehlungen tragen dieselbe Sprachregelung — soll, sollte, kann — wie evidenzbasierte. Die S3-Leitlinie Melanom formuliert konsensbasiert etwa:
Bei klinischem Verdacht auf ein malignes Melanom soll diese Läsion primär mit kleinem Sicherheitsabstand komplett exzidiert werden.
Ein „soll” bleibt ein „soll”.
Woran man die Tragfähigkeit erkennt
An der Konsensstärke und, wo angegeben, an der Zahl der Stimmberechtigten. Ein Expertenkonsens mit 100 % bei 16 Stimmen ist etwas anderes als einer mit 75 % bei zehn.