- Beleglage:Leitlinie
- Status:In Deutschland zugelassen
Analyse
Die Sonnenschutz-Rechnung, die nicht aufgeht
Eigenschutzzeit mal Lichtschutzfaktor ergibt eine Schutzdauer. Die Formel steht in einer Leitlinie — und eine andere warnt vor genau der Konsequenz.
Quellenlage geprüft am 23. August 2026.
Zwei deutsche Leitlinien, zwei Aussagen zum selben Thema. Beide richtig. Zusammen ergeben sie einen Widerspruch, der erklärt, warum Sonnenschutz so oft nicht funktioniert.
Aussage eins: die Formel
Die S2k-Leitlinie Rosazea:
Sonnenschutzmittel schützen für eine begrenzte Dauer, die sich aus Eigenschutzzeit der Haut (je nach Hauttyp 5–30 Minuten) multipliziert mit dem LSF des Sonnenschutzproduktes errechnet. Sehr empfindliche Haut ist mit hohem LSF (50) also etwa 4 Stunden geschützt.
Aussage zwei: die Warnung
Die S3-Leitlinie zur Prävention von Hautkrebs, Empfehlungsgrad A:
Die Anwendung von Sonnenschutzmitteln soll nicht dazu führen, dass der Aufenthalt in der Sonne verlängert wird.
Warum beide stimmen
Die Formel beschreibt die Physik des Lichtschutzfaktors. Die Warnung beschreibt, was Menschen mit dieser Physik anstellen.
Der Lichtschutzfaktor ist definiert als das Verhältnis der UV-Dosis, die mit Schutz zum Sonnenbrand führt, zu der ohne. Rechnerisch verlängert sich damit die Zeit bis zur Erythemschwelle. Praktisch scheitert die Rechnung an drei Stellen.
Bruchstelle eins: die Menge
Der ausgewiesene Faktor wird im Labor bei einer Auftragsmenge von 2 mg/cm² bestimmt. Diese Menge entspricht für einen erwachsenen Körper deutlich mehr Produkt, als tatsächlich verwendet wird.
Die Präventionsleitlinie ist deutlich: „Durch falsche Anwendung kann sich die Wirkung der Sonnenschutzmittel stark vermindern.”
„Stark” heißt nicht anteilig. Wer die halbe Menge aufträgt, hat nicht den halben Faktor.
Bruchstelle zwei: der Abrieb
Schwitzen, Baden, Kleidung, das Abwischen mit dem Handtuch. Deshalb verlangt die Leitlinie die Wiederholung nach zwei Stunden und nach dem Baden — mit einem Klammerzusatz, der den Kern trifft:
(die Schutzzeit wird hierdurch nicht verlängert)
Nachcremen stellt her, was war. Es addiert nichts.
Bruchstelle drei: der falsche Endpunkt
Die Rechnung zielt auf den Sonnenbrand. Sonnenbrand ist ein akutes Ereignis; die kumulative UV-Dosis über Jahrzehnte ist etwas anderes — und sie ist der wichtigste Risikofaktor für hellen Hautkrebs und für Hautalterung.
Man kann eine erhebliche Lebenszeit-Dosis sammeln, ohne je einen Sonnenbrand gehabt zu haben. Die Formel sagt darüber nichts.
Die ehrlichste Zahl der Präventionsleitlinie
Ein evidenzbasiertes Statement, Level of Evidence 1++ bis 2+, 97 % Konsens:
Es liegen widersprüchliche Daten dafür vor, ob das Melanomrisiko durch die Benutzung von Sonnenschutzmitteln gesenkt wird.
Das ist kein Argument gegen Sonnenschutz — dieselbe Leitlinie empfiehlt ihn mit Empfehlungsgrad A. Es ist ein Argument dagegen, ihn allein auf die Tube zu stützen.
Wie man die Formel richtig benutzt
Als Untergrenze für das Nachcremen, nicht als Budget für die Zeit im Freien.
Und als Erinnerung daran, dass die Leitlinie den Sonnenschutzmitteln den dritten Platz zuweist: nach der Vermeidung starker Exposition und nach der Kleidung. Ein Hemd hat keinen Lichtschutzfaktor, der sich abrechnen lässt. Es hat den Vorteil, dass es die Rechnung nicht braucht.